Likrat Schabbat
Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutet «auf zu Schabbat» und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Siddur (S. 67):
באו ונצא לקראת שבתה מלכה – «Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.» Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
Seit Mitte November 2025 hat R. Eli Carvajal das Schreiben von Likrat Schabbat übernommen.
Gerne senden wir Ihnen Likrat Schabbat auch per E-Mail zu. Senden Sie eine entsprechende Nachricht an unser Sekretariat
Sidra Emor, 15. Ijar 5786
Toralesung: Sefer Wajikra (3BM) 21:1 - 22:16; Haftara: Jecheskel 44:15 - 31
01.05.2026 18.45 Ma’ariw leSchabbat
02.05.2026 10.00 Schacharit leSchabbat
Im Talmud Bavli, in Massechet Rosch Haschana 25a, wird eine Geschichte erzählt, die auf den ersten Blick technisch erscheint, in Wirklichkeit aber eine zentrale Frage berührt. Rabban Gamliel und Rabbi Jehoschua sind sich uneinig darüber, auf welches Datum Jom Kippur fallen soll. Es geht dabei nicht um eine nebensächliche Diskussion: Es geht darum, wann der heiligste Tag des Jahres tatsächlich begangen werden soll.
Rabbi Jehoschua ist überzeugt, dass die Berechnung des Kalenders falsch ist. Rabban Gamliel jedoch legt in seiner Rolle als Autorität des Beit Din das Datum trotzdem fest. Was danach geschieht, ist überraschend: Rabbi Jehoschua erhält die Anweisung, an dem Tag, der nach seiner eigenen Berechnung Jom Kippur wäre, vor Rabban Gamliel zu erscheinen, mit seinem Stab und seinem Geld. Mit anderen Worten: Er soll sich so verhalten, als wäre dieser Tag ein gewöhnlicher Tag.
Die Spannung ist deutlich spürbar. Es ist nicht so, dass Rabbi Jehoschua die Halacha nicht versteht; er versteht sie sehr genau. Doch am Ende akzeptiert er die Entscheidung des Beit Din. Nicht, weil er seine Meinung geändert hätte, sondern weil er erkennt, dass der Kalender nicht von der individuellen Wahrnehmung jeder einzelnen Person abhängen kann. Damit die Festtage als Volk erlebt werden können, braucht es einen gemeinsamen Rahmen.
Diese Geschichte bereitet uns darauf vor, einen zentralen Abschnitt der Paraschat Emor auf eine andere Weise zu lesen. In Wajikra 23:4, als die Tora die Festtage vorstellt, heisst es:
אֵלֶּה מוֹעֲדֵי יְהֹוָה מִקְרָאֵי קֹדֶשׁ אֲשֶׁר־תִּקְרְאוּ אֹתָם בְּמוֹעֲדָם׃
«Dies sind die Festzeiten Gottes, heilige Versammlungen, die ihr zu ihrer bestimmten Zeit ausrufen sollt.»
Dieses «ihr» ist nicht zufällig. Die Tora nennt nicht nur die Daten, sondern legt die Ausrufung der Festtage in menschliche Hände.
Der Sifra, ein klassischer Text des halachischen Midrasch zu Wajikra, liest dieses «ihr» sehr genau. Die Festtage werden durch euch ausgerufen, sagt der Sifra, auch wenn dabei Fehler geschehen. Mit anderen Worten: Wenn ihr sie ausruft, sind sie Gottes Festtage; wenn nicht, sind sie es nicht.
Diese Aussage ist bemerkenswert. Man könnte meinen, der heilige Kalender müsste absolut festgelegt sein, unabhängig von Fehlern, menschlichen Berechnungen oder institutionellen Entscheidungen. Die Tora schlägt jedoch eine andere Logik vor. Die Festtage sind nicht einfach Daten, die von selbst kommen. Sie müssen von einer Gemeinschaft erkannt, erklärt und getragen werden.
Vor diesem Hintergrund bekommt die talmudische Geschichte eine weitere Dimension. Rabbi Jehoschua gibt seine intellektuelle Überzeugung nicht auf. Aber er versteht, dass ohne einen gemeinsamen Bezugspunkt sogar Jom Kippur auseinanderbrechen könnte. Jeder hätte seine eigene Berechnung, seinen eigenen Tag, seine eigene Wahrheit. Und das, was das Volk zusammenführen sollte, würde es am Ende trennen.
Paraschat Emor präsentiert uns also nicht nur eine Liste von Festtagen. Sie lehrt uns etwas über die Verantwortung, etwas Gemeinsames aufzubauen. Es gibt Momente, die wir aus der Tradition empfangen, die aber erst dann Form annehmen, wenn eine Gemeinschaft sie annimmt, benennt und gemeinsam lebt.
Darum betont der Vers dieses «ihr». Denn die Heiligkeit der Zeit bleibt nicht in einer abstrakten Idee hängen. Sie zeigt sich in einer gemeinsamen Praxis, in einer kollektiven Entscheidung und in der Fähigkeit, einem Kalender Raum zu geben, der nicht nur jedem Einzelnen gehört, sondern dem ganzen Volk.
Vielleicht liegt genau darin eine der tiefsten Lehren von Paraschat Emor: Etwas kann von Gott gegeben sein, aber seine Heiligkeit wird erst dann wirklich, wenn eine menschliche Gemeinschaft beschliesst, es zu hüten, zu ordnen und als etwas Eigenes zu leben.
Schabbat Schalom
Rabbiner Eli Carvajal
