Likrat Schabbat
Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutet «auf zu Schabbat» und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Siddur (S. 67):
באו ונצא לקראת שבתה מלכה – «Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.» Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
Seit Mitte November 2025 hat R. Eli Carvajal das Schreiben von Likrat Schabbat übernommen.
Gerne senden wir Ihnen Likrat Schabbat auch per E-Mail zu. Senden Sie eine entsprechende Nachricht an unser Sekretariat
Sidra Wajera, 20. Cheschwan 5787
Toralesung: Bereschit (1BM) 20, 9 – 20:18
30.10.2026 18.45 Ma’ariw leSchabbat
31.10.2026 11.00 Kurzschacharit meets Schabbat Simcha
In der Parascha dieser Woche, Wajera, begegnen wir einer der bekanntesten Erzählungen der Tora.
Abraham sitzt am Eingang seines Zeltes, als drei Männer zu ihm kommen. Er lädt sie ein, sich auszuruhen, bietet ihnen Essen an und erfährt während ihres Besuchs, dass Sara einen Sohn bekommen wird.
Die rabbinische Tradition versteht diese drei Besucher als Engel. Doch daraus ergibt sich eine interessante Frage: Wie ist es möglich, dass Engel, die keine Menschen sind, gehen, sprechen und sogar essen?
Im 12. Jahrhundert bietet Rambam, Maimonides, in seinem Werk More Newuchim (Führer der Unschlüssigen) eine Erklärung dafür. Gemäss Maimonides fand diese gesamte Begegnung innerhalb einer prophetischen Vision statt. Abraham empfing also nicht tatsächlich drei Besucher. Vielmehr beschreibt die Tora eine göttliche Offenbarung.
Maimonides findet einen Hinweis darauf gleich im ersten Vers unserer Parascha:
וַיֵּרָא אֵלָיו יְהוָה Wajera elaw Adonai.
«Und der Ewige erschien ihm.»
Für Maimonides liegt hier der Schlüssel zum Verständnis der Erzählung. Die Tora berichtet zuerst, dass Gott Abraham erschien, und beschreibt anschliessend den Inhalt dieser Vision: die drei Männer, das Gespräch und das gemeinsame Essen. All das gehört nach seiner Auffassung zur prophetischen Erfahrung.
Etwa ein Jahrhundert später setzt sich Ramban, Nachmanides, mit dieser Interpretation auseinander und lehnt sie entschieden ab.
Seine Einwände sind sehr konkret. Wenn alles nur eine Vision gewesen wäre, so argumentiert Nachmanides, hätte Sara das Essen nicht tatsächlich vorbereitet, Abraham hätte die Besucher nicht wirklich empfangen, und Sara hätte auch nicht über die Ankündigung ihrer Schwangerschaft gelacht.
Besonders interessant wird seine Kritik jedoch, wenn die Erzählung in Sodom weitergeht. Dort kommen die Engel zu Lot, essen in seinem Haus und helfen ihm schliesslich, aus der Stadt zu fliehen, bevor diese zerstört wird.
Nachmanides stellt deshalb eine entscheidende Frage: Wenn auch diese Ereignisse nur innerhalb einer prophetischen Vision stattfanden, was ist dann mit den Einwohnern von Sodom? Auch sie sahen die Besucher. Sie versammelten sich vor Lots Haus und verlangten, dass er die Männer herausbringe.
Hatten etwa alle Einwohner von Sodom eine prophetische Vision? Und wenn auch Lots Flucht nur eine Vision war, wie konnte er dann tatsächlich aus der Stadt entkommen?
Für Nachmanides kann die Interpretation von Maimonides diese Ereignisse nicht überzeugend erklären. Seine Kritik ist so deutlich, dass er in seinem Kommentar zu Bereschit 18,1 schreibt:
ואלה דברים סותרים הכתוב אסור לשומעם אף כי להאמין בהם
«Diese Aussagen widersprechen der Schrift. Es ist verboten, sie auch nur anzuhören, geschweige denn, an sie zu glauben.»
Eine ausserordentlich scharfe Aussage, besonders wenn man bedenkt, dass sie sich gegen die Interpretation eines der bedeutendsten jüdischen Philosophen richtet.
Allerdings behauptet auch Nachmanides nicht, dass Engel gewöhnliche Menschen seien. Für ihn sind Engel geistige Wesen, die jedoch in einer für Menschen wahrnehmbaren Gestalt erscheinen können. Abraham hat die Besucher nach dieser Auffassung tatsächlich empfangen, auch wenn es sich nicht um gewöhnliche Menschen handelte.
Wir haben es also mit zwei grundlegend unterschiedlichen Interpretationen zu tun. Für Maimonides fand die Begegnung Abrahams mit den Engeln innerhalb einer prophetischen Vision statt. Für Nachmanides erschienen die Engel tatsächlich vor Abraham und griffen unmittelbar in die Ereignisse ein, von denen die Tora berichtet.
Das Interessante daran ist, dass wir hier nicht von einer Auseinandersetzung zwischen einem gläubigen Menschen und jemandem sprechen, der die jüdische Tradition ablehnt. Wir sprechen von zwei der bedeutendsten Denker der jüdischen Geschichte. Zwei grosse Gelehrte, die sich intensiv mit der Tora beschäftigten, tief in der jüdischen Tradition verwurzelt waren und dennoch zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangten.
Und trotzdem studieren wir bis heute beide. Ihre Interpretationen stehen innerhalb unserer Tradition nebeneinander.
Manchmal sprechen wir über das Judentum, als hätte es irgendwann in seiner Geschichte nur eine einzige Art gegeben, die Tora auszulegen, über Gott nachzudenken oder den jüdischen Glauben zu verstehen. Doch ein Blick in unsere Texte zeigt uns eine ganz andere Wirklichkeit.
Das Judentum war nie eine Tradition des einheitlichen Denkens.
Es gab nie nur eine einzige Interpretation all unserer Texte und auch nie nur eine einzige Antwort auf all unsere Fragen. Und wir müssen auch nicht erwarten, dass es eines Tages so sein wird.
Denn die Vielfalt der Interpretationen ist keine moderne Erfindung und auch kein Problem, das wir überwinden müssen. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Tradition.
Und vielleicht ist genau das das Bemerkenswerte an dieser Diskussion: Auch rund achthundert Jahre später lesen wir noch immer Maimonides und Nachmanides. Wir beschäftigen uns mit ihren Argumenten und entdecken weiterhin neue Möglichkeiten, dieselben Worte der Tora zu verstehen.
Wir haben keine Tradition geerbt, in der alle Fragen endgültig beantwortet wurden. Wir haben eine Tradition geerbt, in der Fragen und Diskussionen lebendig bleiben.
Schabbat Schalom
Rabbiner Eli Carvajal
