Likrat Schabbat
Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutet «auf zu Schabbat» und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Siddur (S. 67):
באו ונצא לקראת שבתה מלכה – «Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.» Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
Seit Mitte November 2025 hat R. Eli Carvajal das Schreiben von Likrat Schabbat übernommen.
Gerne senden wir Ihnen Likrat Schabbat auch per E-Mail zu. Senden Sie eine entsprechende Nachricht an unser Sekretariat
Sidra Beha’alotcha, 14. Siwan 5786
Toralesung: Sefer Bemidbar (4BM) 8:1 – 9:1454; Haftara: Secharja 2:14 – 4:7
29.05.2026 18.45 Ma’ariw leSchabbat
30.05.2026 09.30 Schabbat leSchabbat
10.00 Schacharit leSchabbat, Bar Mizwa Benjamin Wickström
Paraschat Beha’alotcha enthält etwas sehr Ungewöhnliches. Mitten in der Torarolle erscheinen zwei umgedrehte Buchstaben Nun, einer vor und einer nach den Versen von «Vayehi binso’a haAron...»:
׆ וַיְהִי בִּנְסֹעַ הָאָרֹן וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה קוּמָה אֲדֹנָי וְיָפֻצוּ אֹיְבֶיךָ וְיָנֻסוּ מְשַׂנְאֶיךָ מִפָּנֶיךָ׃
וּבְנֻחֹה יֹאמַר שׁוּבָה אֲדֹנָי רִבְבוֹת אַלְפֵי יִשְׂרָאֵל׃ ׆
«Und wenn die Lade aufbrach, sagte Mosche: Steh auf, Gott, damit Deine Feinde zerstreut werden und die, die Dich hassen, vor Dir fliehen.
Und wenn sie ruhte, sagte er: Kehre zurück, Adonai, zu den Myriaden der Tausenden Israels.» (Bemidbar 10,35-36)
Und der Talmud fragt in Masechet Schabbat 115b: Warum stehen dort diese merkwürdigen Zeichen? Eine erste Antwort ist sehr technisch: Dieser Abschnitt sei «nicht an seinem Platz». Als ob er eigentlich aus einem anderen Zusammenhang stammen würde.
Dann aber kommt eine viel radikalere Meinung. Rabbi Jehuda HaNasi sagt: Nein, diese Zeichen stehen nicht dort, um zu zeigen, dass der Text am falschen Ort ist. Sie stehen dort, um uns zu lehren, dass dieser kleine Abschnitt ein eigenes Buch bildet.
Und daraus entwickelt der Talmud eine faszinierende Idee: Eigentlich gäbe es nicht fünf Bücher der Tora, sondern sieben. Denn das Buch Bemidbar würde dadurch in drei Teile geteilt: das, was vor diesem Abschnitt steht, dieser Abschnitt selbst, und alles, was danach kommt.
Das ist eine unglaubliche Vorstellung. Zwei Verse reichen aus, um als eigenes Buch zu gelten. Aber das wirklich Überraschende ist der Inhalt dieses kleinen «Buches»: keine Offenbarung, kein spektakuläres Wunder, keine neue Mitzwa, sondern ein Moment der Bewegung.
וַיְהִי בִּנְסֹעַ הָאָרֹן «Als die Lade aufbrach…»
Heiligkeit erscheint hier unterwegs. Nicht erst, wenn das Volk angekommen ist. Nicht erst, wenn alles gelöst ist. Nicht erst, wenn es vollkommene Stabilität gibt. Sondern mitten auf dem Weg.
Vielleicht verdient dieser Text gerade deshalb den Status eines eigenen Buches. Denn es gibt Momente im Leben, die zunächst nur wie ein Übergang wirken, uns aber am Ende tief verändern.
Oft denken wir: «Wenn das vorbei ist, dann wird alles gut sein.» Wenn es mehr Klarheit gibt. Mehr Stabilität. Mehr Sicherheit. Wenn endlich alles geordnet ist. Aber die Tora deutet etwas anderes an: Auch in unvollständigen Momenten kann Sinn liegen. Auch in Zeiten der Veränderung kann Heiligkeit erscheinen. Auch das, was noch im Werden ist, kann zu einem wichtigen Teil unserer Geschichte werden.
Vielleicht sind die Buchstaben Nun genau deshalb umgedreht. Wie ein seltsames Zeichen im Text. Eine Unterbrechung, die uns zwingt, genauer hinzuschauen auf etwas, das wir sonst vielleicht übersehen würden.
Denn viele der tiefsten Erfahrungen unseres Lebens geschehen nicht dann, wenn alles perfekt geordnet ist. Sie geschehen in neuen Anfängen, in Krisen, in der Suche, in jenen Momenten, in denen wir noch nicht genau wissen, wohin wir gehen.
Und trotzdem zieht die Lade weiter.
Und Mosche sagt: קוּמָה אֲדֹנָי «Steh auf, Gott…»
Vielleicht ist genau das die Botschaft dieses kleinen Buches, das in der Tora verborgen ist: Auch wenn unsere Geschichte manchmal wie in Klammern steht, auch wenn wir das Gefühl haben, noch nicht am endgültigen Ort angekommen zu sein, kann sich gerade dort ein wesentliches Kapitel schreiben.
Schabbat Schalom
Rabbiner Eli Carvajal
