Likrat Schabbat
Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutet «auf zu Schabbat» und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Siddur (S. 67):
באו ונצא לקראת שבתה מלכה – «Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.» Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
Seit Mitte November 2025 hat R. Eli Carvajal das Schreiben von Likrat Schabbat übernommen.
Gerne senden wir Ihnen Likrat Schabbat auch per E-Mail zu. Senden Sie eine entsprechende Nachricht an unser Sekretariat
Sidra Nitzawim-Wajelech, 23. Elul 5786
Toralesung: Sefer Dewarim (5BM) 29:9 – 30:20, 31:25 – 30; Haftara: Jeschaja 61:10-63:9
04.09.2026 18.45 Ma’ariw leSchabbat
05.09.2026 09.30 Simcha leSchabbat
10.00 Schacharit leSchabbat
In der Parascha Nitzawim begegnet uns ein ebenso bekannter wie rätselhafter Vers:
הַנִּסְתָּרֹת לַה׳ אֱלֹהֵינוּ וְהַנִּגְלֹת לָנוּ וּלְבָנֵינוּ עַד־עוֹלָם
«Das Verborgene gehört Adonai, unserem Gott, das Offenbare aber gehört uns und unseren Kindern für immer.» (Dewarim 29:28)
Was genau ist mit diesen verborgenen und offenbaren Dingen gemeint?
Schon unsere Chachamim haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Eine der klassischen Auslegungen versteht den Vers als eine Aussage über die Grenzen unserer Verantwortung. Es gibt Dinge, die offen geschehen, die wir sehen und erkennen können und denen gegenüber wir deshalb nicht einfach gleichgültig bleiben dürfen. Und es gibt andere Dinge, die im Verborgenen geschehen, ausserhalb unseres Wissens und unseres Einflusses. Wir können nicht für etwas verantwortlich sein, das uns tatsächlich verborgen bleibt.
Doch vielleicht lässt sich dieser Vers jetzt, wenn wir zu Slichot kommen und Jom Kippur näher rückt, noch aus einer anderen Perspektive lesen.
Auf den ersten Blick scheint die Unterscheidung zwischen dem Verborgenen und dem Offenbaren recht einfach. Da sind die Niglot, wörtlich «die offenbaren Dinge»: das, was andere von uns sehen und wissen können, die Seite von uns, die nach aussen sichtbar wird – in unseren Worten und Entscheidungen, unseren Stärken und unseren Fehlern.
Und da sind die Nistarot, «die verborgenen Dinge»: das, was den Blicken anderer entzogen bleibt und zum privaten, vielleicht sogar ganz persönlichen Bereich unseres Lebens gehört.
Doch die Grenze zwischen Nistarot und Niglot verläuft nicht nur zwischen uns und den anderen. Manchmal verläuft sie auch in uns selbst.
Es gibt Dinge, die niemand sonst über uns weiss und die wir selbst dennoch sehr genau kennen. Und es gibt anderes, das wir lieber in einer Art Halbdunkel belassen: Es ist uns nicht wirklich verborgen, aber wir möchten es auch nicht allzu deutlich betrachten.
Dabei geht es keineswegs immer um grosse Geheimnisse. Oft sind es viel alltäglichere Dinge: ein Groll, den wir schon zu lange mit uns tragen; eine Entschuldigung, von der wir wissen, dass wir sie jemandem schulden; ein Gespräch, das wir immer wieder aufschieben; die eigentliche Motivation hinter einer Entscheidung, die wir lieber nicht zu genau hinterfragen; etwas, von dem wir längst wissen, dass wir es ändern sollten, obwohl niemand um uns herum uns dazu auffordert.
Es ist nicht so, dass wir von all diesen Dingen nichts wüssten. Irgendwo in uns wissen wir, dass sie da sind. Doch solange wir ihnen keinen Namen geben, können wir sie noch eine Weile dort lassen, wo sie sind.
Vielleicht ist gerade deshalb die Sprache von Slichot und Jom Kippur so besonders. Wir stehen gemeinsam auf und sprechen den Widui, das Sündenbekenntnis:
Aschamnu. Bagadnu. Gasalnu.
Wir haben Schuld auf uns geladen. Wir haben treulos gehandelt. Wir haben geraubt.
Ein Wort nach dem anderen.
Der Widui zwingt uns, das in Worte zu fassen, was wir sonst lieber unbenannt lassen würden. Und vielleicht liegt gerade darin eine der tiefsten Dimensionen dieses Bekenntnisses: Es geht nicht darum, unser Innerstes vor anderen offenzulegen, sondern darum, vor uns selbst sichtbar zu machen, was wir lieber im Halbdunkel belassen hätten.
In gewisser Weise versucht der Widui, etwas aus dem Bereich der Nistarot, des Verborgenen, in den Bereich der Niglot zu führen – in den Bereich dessen, was wir sehen, benennen und anerkennen können.
Und dennoch kann nicht alles diesen Weg gehen.
Manches bleibt uns tatsächlich verborgen. Es gibt Seiten an uns selbst, die wir noch nicht verstehen, Folgen unserer Handlungen, die wir nicht vorhersehen konnten, und Dinge, die im Herzen eines anderen Menschen geschehen und die wir schlicht nicht kennen können.
הַנִּסְתָּרֹת לַה׳ אֱלֹהֵינוּ
Manches bleibt verborgen. Wir können nicht alles wissen, nicht einmal über uns selbst.
Doch die Tora endet nicht dort:
וְהַנִּגְלֹת לָנוּ וּלְבָנֵינוּ
Das, was offenbar geworden ist, gehört uns.
Und vielleicht beginnt genau dort die Verantwortung, zu der uns diese Tage einladen. Es geht nicht darum, jeden verborgenen Winkel unseres Inneren auszuleuchten oder zu glauben, wir könnten alles verstehen. Es geht darum, den Mut aufzubringen, das anzuschauen, was wir auf irgendeine Weise längst wissen.
Slichot und Jom Kippur verlangen nicht von uns, alles offenzulegen. Sie verlangen etwas, das vielleicht noch schwieriger ist: dass wir aufhören, vor uns selbst zu verbergen, was längst darauf wartet, gesehen zu werden.
Schabbat Schalom
Rabbiner Eli Carvajal
