Likrat Schabbat
Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutet «auf zu Schabbat» und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Siddur (S. 67):
באו ונצא לקראת שבתה מלכה – «Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.» Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
Seit Mitte November 2025 hat Eli Carvajal das Schreiben von Likrat Schabbat übernommen.
Gerne senden wir Ihnen Likrat Schabbat auch per E-Mail zu. Senden Sie eine entsprechende Nachricht an unser Sekretariat
Sidra Wajikra, 3. Nissan 5786
Toralesung: Wajikra (3BM) 1:1 - 13
20.03.2026 18.45 Ma’ariw leSchabbat
21.03.2026 10.30 Simcha leSchabbat
11.00 Schacharit leSchabbat
Die Parascha beginnt mit den Worten: Wajikra el Mosche, «Und Er rief Mosche».
Die Weisen richteten ihre Aufmerksamkeit auf etwas, das auf den ersten Blick kaum auffällt. Die Tora sagt nicht einfach, dass Gott Mosche erschien, und sie verwendet auch nicht irgendein beliebiges Verb, um diese Begegnung zu beschreiben. Sie sagt Wajikra (ויקרא), «er rief». Dieses Wort wurde in Kontrast zu einem sehr ähnlichen Ausdruck gelesen, der später in der Tora im Zusammenhang mit Bileam, einer prophetischen Gestalt ausserhalb des Volkes Israel, erscheint. Dort steht das Verb Wajikar (ויקר). Auf den ersten Blick ist der Unterschied gering, kaum mehr als eine Nuance. Doch in der Sprache der Tora kann gerade eine kleine Nuance einen grossen Unterschied eröffnen.
Wajikra (ויקרא) ist eine Sprache der Nähe. Es ist ein bewusster Ruf. Das Wort setzt Beziehung, Aufmerksamkeit und Verbundenheit voraus. Es beschreibt nicht etwas, das einfach geschieht, sondern eine Begegnung, in der jemand ruft und jemand eingeladen ist, zu antworten.
Wajikar (ויקר) hingegen klingt anders. Es verweist auf etwas Zufälliges, Vorübergehendes, beinahe Beiläufiges. Etwas ereignet sich, aber ohne die Innigkeit und Tiefe eines wirklichen Rufes. Es ist nicht dasselbe, ob mir etwas einfach widerfährt oder ob etwas mich anspricht und herausfordert.
Vielleicht liegt genau darin eine der tiefsten Fragen dieser Parascha. Es geht nicht nur darum, welche Art von Beziehung zwischen Gott und Mosche besteht, sondern auch darum, welche Form wir unserem eigenen Leben geben.
Denn man kann vieles im Modus von Wajikar erleben. So, als wäre alles nur eine Folge einzelner Ereignisse: «Das ist mir passiert. Diese Möglichkeit hat sich ergeben. Jenes Problem ist aufgetaucht. Dieses Gespräch hat stattgefunden.» Alles bleibt auf der Ebene dessen, was eben geschehen ist. Und manchmal schützt diese Weise des Lebens sogar ein wenig, weil sie uns nicht dazu zwingt, uns wirklich einzubringen. Wenn etwas mir nur «passiert» ist, muss ich mich nicht unbedingt fragen, was ich nun damit tun soll.
Die Tora eröffnet jedoch eine andere Möglichkeit: das Leben im Horizont von Wajikra. Nicht weil alles einfach wäre oder weil jede Situation eine klare Antwort bereithielte, sondern weil man selbst mitten in der Unübersichtlichkeit versuchen kann, zu hören, ob darin nicht doch ein Ruf liegt, eine Forderung, eine Richtung, eine Verantwortung.
Das gilt für die Beziehung zu Gott, aber ebenso für viele andere Bereiche des Lebens. Es gilt für unsere Beziehungen. Es gilt für das Gemeindeleben. Es gilt für jene Momente, in denen jemand unsere Präsenz braucht. Es gilt für Situationen, in denen wir sehen, dass etwas nicht stimmt, und entscheiden müssen, ob wir wegschauen oder ob wir verstehen, dass auch wir hier gefragt sind.
Nicht immer wählen wir, was uns widerfährt. Oft stellt uns das Leben vor Situationen, die wir nicht gesucht haben, nicht geplant hatten und die wir vielleicht lieber vermieden hätten. Und doch bleibt eine entscheidende Frage offen: ob dies für uns nur eine weitere Episode sein wird, oder ob wir imstande sind, darin auch einen Ruf zu hören.
Vielleicht bedeutet geistige Reife nicht, jederzeit Gewissheit zu besitzen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, eine andere Sensibilität für das zu entwickeln, was wir erleben. Nicht nur von der Zufälligkeit her auf die Wirklichkeit zu blicken, sondern zu fragen, ob in dem, was unerwartet in unser Leben tritt, nicht auch eine Stimme liegt, die uns ruft. Denn nicht jede Erfahrung ist nur etwas, das eben geschieht. Manchmal beginnt sich in dem, was zunächst nur wie ein Wajikar erschien, auch ein Wajikra zu zeigen.
Schabbat Schalom
Eli Carvajal
