Die Liberalen Juden in Zürich – Tradition und Erneuerung

Likrat Schabbat

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Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutetet "auf zu Schabbat" und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Sidur (S. 67): באו ונצא לקראת שבת המלכה  - „Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.“ Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.

Sidra Beschalach

Sidra Beschalach, 15. Schewat 5777
10.02.2017                   18.45   Ma’ariw leSchabbat 
11.02.2017                   10.00   Schacharit leSchabbat

Der Dornbusch will sehr wohl regieren
„Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben. Und sie sprachen zum Ölbaum: Sei du König über uns! Der Ölbaum aber sprach zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du, werde du König über uns! Der Feigenbaum aber sprach zu ihnen: Soll ich meine Süsse aufgeben und meine köstliche Frucht und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du, werde du König über uns! Der Weinstock aber sprach zu ihnen: Soll ich meinen Wein aufgeben, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, um mich über den Bäumen zu wiegen? Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch: Komm du, werde du König über uns! Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr wirklich mich salben wollt, damit ich König über euch bin, kommt und sucht Zuflucht in meinem Schatten! Wenn aber nicht, wird Feuer ausgehen vom Dornbusch und die Zedern des Libanon verzehren.“ (Schoftim (Richter) 9, 8-15)
An diesem Schabbat ist der 15. Schewat, oder Tu-biSchewat,  das Neujahr der Bäume. ‚Tu‘ steht für die hebräischen Buchstaben ט und ו , die durch ihren Zahlenwert (9 und 6) 15 ergeben. Das Neujahr der Bäume ist einer der vier in der Mischna erwähnten Neujahrstage (Rosch haSchana 1,1). Eine, der in der Tora gegebenen Mizwot schreibt vor, dass Baumfrüchte erst ab dem vierten Jahr gepflückt und in Jeruschalajim gegessen werden dürfen, und ab dem fünften Jahr im ganzen Land. (Nach der Tempelzeit dürfen die Baumfrüchte ab dem vierten Jahr gepflückt und gegessen werden.) Da das Buchhalten des Pflanztages jedes einzelnen Baumes eine arbeitsintensive Aufgabe sein würde, stellten die Rabbinen einen für alle Obstbäume geltenden ‚Geburtstag‘ ein: der 15. des jüdischen Monats Schewat, oder eben, Tu-biSchewat.
Wenn Tu-BiSchewat mit Schabbat zusammenfällt, wird als Haftara die obenstehende  ‚Baum-Parabel‘  gelesen:  Die Bäume suchten einen König, der Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock bedankten für die Ehre. Keiner von ihnen war bereit seine wertvolle ‚Leistung‘ zu Gunsten einer Prestigeposition aufzugeben. Der vierte Baum, der Dornbusch, der gar kein Baum ist, produziert weder Früchte, an denen die Tier- oder Menschenwelt sich laben könnte, noch schattenbringende Blätter. Anstelle dessen trägt er Dornen. Durch seine hinsichtlich der fehlenden Früchte und Blätter trockene Art, geht der Dornbusch leicht in Flammen auf, erzeugt Weidebrand und gefährdet damit andere Bäume.
Die Parabel wird dem Jotam ben Gid’on zugeschrieben. Gid’on war ein Heerführer im antiken Israel. Nachdem er die Midjaniten besiegt hatte, baten die Israeliten ihn ihr König zu werden. Gid’on lehnte ab: „Nicht ich werde über euch herrschen, auch mein Sohn wird nicht über euch herrschen, der Ewige soll über euch herrschen.“ (Schoftim (Richter) 8, 23).  Als Gid’on, der 70 Söhne gezeugt hat, starb, wollte Awimelech, einer seiner Söhne, unbedingt König werden und zwar von Sch’chem, seinem Geburtsort. Er überzeugte die Ältesten von Sch’chem ihn, da seine Mutter ja eine ‚Sch’chemiterin‘ sei, von allen seinen 69 Brüdern zu wählen. Nach seiner Inauguration tötete Awimelech alle seine Brüder, ausser Jotam, der sich zu verstecken wusste.
Jotam erzählte der Elite von Schechem die Baum-Parabel als Metapher für die politische Lage im Land. Die Israeliten verlangten einen fähigen König. Der Ölbaum, der Feigenbaum und der Weinstock symbolisierten so einen Mann. Der nach Macht und Rache sinnende Awimelech priese sich selber an und sei dem Dornbusch gleich und die majestätischen Zedern von Libanon stünden für sie, die Elite von Schechem. Jotam warnte: „Ihr werdet Schutz suchen, unter seinen Dornen dahingegen verbrennen.“ 
Die Baum-Parabel hat nichts von ihrem Aktualitätswert eingebüsst.  Wir haben miterlebt, wie die Bevölkerung eines grossen Kontinentes fiebernd einen starken ‚König‘ wählte, dem es, wie es scheint, vor allem um den Genuss seiner eigenen Macht geht. Die Unzufriedenen unter der Bevölkerung schrien in kollektiver Wut und Angst um einen ‚König‘, der in ihrer Sprache, in der Sprache der Angst und Wut, zurückzuschreien – jetzt aber auf die andere Seite – imstande ist.  Es scheint beruhigend zu wirken. Jedenfalls für die hoffnungsvollen Wütigen und Angsthabenden. Ein bittersüsser Trost: die Geschichte lehrt, dass die Dornbüsche, die Awimelechs, irgendwann zu hoch pokern und verlieren. Ihre schmerzliche Hinterlassenschaft allerdings bleibt.
 
Schabbat Schalom,                                                                  
 
Rabbiner Ruven Bar Ephraim
 

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