Die Liberalen Juden in Zürich – Tradition und Erneuerung

Likrat Schabbat, mit dem ich Sie erreichen möchte, bedeutetet "auf zu Schabbat" und bezieht sich auf ein Zitat von Rabbi Chanina, aufgezeichnet im Talmud Bawli (Schabbat 119a) und aufgenommen in unserem Sidur (S. 67): באו ונצא לקראת שבת המלכה - „Kommt lasst uns die Königin Schabbat willkommen heissen.“ Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Likrat Schabbat Ihnen hilft, sich auf die wöchentliche Begegnung mit Schabbat zu freuen und Schabbat zu einer speziellen, beruhigenden und vielleicht sogar nährenden Zeit zu gestalten.
SCHABBAT PARASCHAT MISCHPATIM 25. SCH‘WAT 5772
17.02.2012 18.45 ARWIT L’SCHABBAT
18.02.2012 10.00 SCHACHARIT L’SCHABBAT
Da sein
Die Lehrer mussten mich in der Schule oft in die Gegenwart zerren, die Eltern liess ich seelenruhig vier Mal rufen, ehe ich endlich reagierte und in den Ferien ‚landete‘ ich drei Tage später als der Rest der Familie. Geist und Körper sind bei mir nicht immer gemeinsam an Ort und Stelle, was wohl aber keine exklusive Unart von mir ist.
Die talmudischen Rabbiner haben das auch beobachtet oder vielleicht aus eigener Erfahrung verstanden. Sie haben die Liturgie des Gottesdienstes mit genügend ‚Landezeit‘ entworfen. Bis zur Amida, dem Hauptgebet, das man mit Aufmerksamkeit beten soll, gibt es eine Menge einleitende Gebete. Am deutlichsten zeigt sich das am Freitagabend, wenn wir uns vom hektischen Alltag auf den Schabbes umstellen. Der Gottesdienst fängt mit Psalmen und Lecha Dodi an. Diese Gesänge richten unsere Andacht auf den Schabbat, öffnen unsere Herzen und lassen „die Braut Schabbat“ herein, wie wir in der letzten Strophe von lecha dodi singen: „bo’i chala, bo’i chala, komm Braut komm“. Wir sollen den Schabbat mit Kopf und Seele herein holen, uns aber auch die Zeit gönnen um ‚ganz‘, auf Hebräisch שלם schalem, und בשלום b‘schalom, in Frieden, den Schabbat hineinzutreten.
Die Parascha dieser Woche gibt uns fünfzig Mizwot, worüber man gut nachdenken muss, wie sie genau einzuhalten sind. Am Ende der Parascha bekommen wir noch eine Glanznummer, die Debatte zwischen Gott und Mosche. In diesem Gespräch zeichnen sich klassische Unterhandlungsstadien ab. Eine Partei will etwas von der anderen, die Parteien versuchen einander zu überzeugen, man verhandelt, schliesst einen Kompromiss, einigt sich und konzentriert sich zum Schluss darauf, wie man das Vereinbarte festlegt.
Jetzt ist es am Sinai so weit. Das Ergebnis ihrer Debatte kann als Vertrag festgelegt werden. Gott ruft Mosche und sagt: עלה אלי ההרה והיה שם „Steige zu mir herauf auf den Berg und sei dort!“ Mosche soll also nicht nur zu Gott auf den Berg steigen, er soll auch da sein. Raschi ergänzt diese Anordnung: „Steige zu mir herauf auf den Berg und sei dort vierzig Tage“. Er versteht והיה שם w’heje scham“ nicht als „sei dort“, sondern als „bleibe dort“. Der Kozker Rebbe (Anfang 19. Jahrhundert) versteht Gottes Aufruf anders. Wenn man angestrengt einen hohen Berg besteigt und den Gipfel erreicht hat, heisst das noch nicht, dass man tatsächlich dort ist. Es ist möglich, so der chassidische Rebbe, auf der höchsten Spitze der Welt zu stehen, mit seinen Gedanken aber ganz woanders zu sein. Darum fordert Gott Mosche auf, mit Kopf und Seele da zu sein.
Da sein, anwesend sein, ist eine Voraussetzung um wirklich in Beziehung mit der Umgebung zu sein, Situationen wirklich zu verstehen, den Moment von Leben wirklich zu erleben. Muss das denn? Nicht unbedingt. Wenn man Versöhnlichkeit, Harmonie und Erfolg nachstrebt, aber schon.
Schabbat Schalom
Rabbiner Reuven Bar Ephraim